Warum Rhetorik in Deutschland unterschätzt wird

Fortsetzung: Marketing-Kommunikation in Deutschland (Teil 2):

Die Aufgabe von Rhetorik ist:

„den Zuhörer (im Marketingdeutsch „Zielgruppe“) von einer Aussage zu überzeugen oder zu einer bestimmten Handlung zu bewegen.“ (Quelle: Wikipedia)

Eigentlich exakt die Aufgaben von Vertrieb und Marketing.
Doch wie viel Prozent der Zeit werden in die Inhalte investiert, z.B. bei Vertriebspräsentationen? Und wie viel gehen in die Redegestaltung, das Storytelling, den roten Faden und in das Einstudieren eines gelungenen Auftritts?

Es wird viel zu viel Zeit in das WAS (Inhalte) investiert, statt auch über das WIE (Redekunst) nachzudenken.

Gute Präsentationen fallen eben nicht vom Himmel. Sie brauchen Zeit und eine Methode.

Warum ist das so, dass der Inhalt so viel wichtiger ist, als die Verpackung? Vor allem bei uns in Deutschland?

1) Unsere Mentalität:

„Wir stecken keine Mark in die Werbung, sondern jede Mark in die Schokolade.“
Genau wie Erasco („Das Gute daran, ist das Gute darin“) drückt auch dieser Slogan der Schokoladenmarke Alpia exakt die deutsche Mentalität aus.

Die Annahme dahinter: Gute Produkte verkaufen sich von selbst. Das ist nicht falsch. Aber meist ist Produktqualität nicht ausreichend, um sich im Wettbewerb von zunehmend austauschbaren Gütern durchzusetzen.

Und gerade bei erklärungsbedürftigen Produkten und im B2B, muss die Zielgruppe erst einmal von dem bahnbrechenden Produkt erfahren und genügend Zeit und Energie aufbringen um zu verstehen, worin ihr Nutzen besteht.

„Ohne Werbung Geschäfte machen, ist so, als winke man einem Mädchen im Dunkeln zu.
Man weiß zwar, was man will, aber niemand sonst.“ Stuart. H. Britt, amerikanischer Werbefachmann.

2) Die NS Propaganda

Joseph Goebbels und Adolf Hitler waren sich der Macht der Worte durchaus bewusst. Und so feilten sie an Redemanuskript, Mimik und Gestik, bis sich auch der letzte sicher war, den totalen Krieg zu wollen.

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Der Kommunikationsprofi Dale Carnegie analysierte seinerzeit:

„Hätte Hitler nicht die Fähigkeit entwickelt, seine Überzeugungen den Massen zu übermitteln, wäre er nie an die Macht gekommen, und er hätte die Welt nicht in den Krieg gestürzt.“

Meiner Meinung nach hat auch das zum schlechten Standing von Rhetorik, Marketing und Co. in Deutschland beigetragen.

Liebe kann weh tun. Also verbieten?

Natürlich kann Rhetorik missbraucht werden. Sie deswegen aber grundsätzlich abzulehnen wäre in etwa so, als wolle man jungen Menschen verbieten sich zu verlieben, mit der Begründung, ihnen damit viel Herzeleid zu ersparen.

Mögliche negative Auswirkungen einer Sache macht die Sache an sich nicht schlecht. Höchste Zeit also, dass wir Deutschen mit diesem Vorurteil aufräumen.

3) Unser Schulsystem

Im deutschen Schulsystem fand vor ca. 15 Jahren ein Bewusstseinswandel statt: statt auf reinen Frontalunterricht zu setzen, wurden zunehmend alternative Lernmethoden eingesetzt: wie z.B. Referate, Vorträge und Präsentationen. (Quelle: weder repräsentative noch wissenschaftliche Umfrage in meinem Bekannten- und Kollegenkreis)

Während meine Bekannten und Kollegen, die in den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts geboren sind, so gut wie nie vor ihren Klassenkameraden stehen mussten, erinnere ich mich, schon in der 6. Klasse meine Weisheiten Mitschülern verbreiten zu haben. Meine Bekannten, die jünger sind als ich (nach 1981 geboren), haben deutlich häufiger Referate vorbereitet. Heute ist diese Form der Wissensvermittlung aus dem Schulalltag nicht mehr wegzudenken.

Warum anderswo nicht nur das WAS gelehrt wurde, sondern auch das WIE, entzieht sich meiner Kenntnis. Debattierclubs haben bspw. in England eine lange Tradition. In Deutschland vertrat man eher die Meinung: „net schwätza, schaffa“.

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Natürlich ist nichts gegen das Schaffa und deutsche Tugenden, wie Fleiß, Ehrgeiz und Gewissenhaftigkeiten zu sagen. Aber man sollte nie alle Eier in einen Korb legen und beim WAS das WIE vergessen.

 

 

Fazit: Keine Enteneier im Korb!

Haben Sie schon mal Enteneier gegessen? Nein? Ich auch nicht. Sie sind aber anscheinend sehr schmackhaft und außerdem größer als gewöhnliche Hühnereier. Trotzdem isst alle Welt nur Hühnereier. Warum? Weil Hühner so laut Gaggern, wenn Sie ein Ei legen, während Enten das in aller Stille tun.

Gaggern gehört also zum Geschäft.

Herzlichen Dank an Mike Willis für das Foto „eggs“. (Attribution 2.0 Generic)

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